Digital Culture and Media: Das Ohr aus Illinois – Kybernetische Maschinen als lebhafte Artefakte (In German)

Jan Müggenburg ist Juniorprofessor für Medien- und
Wissenschaftsgeschichte am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler
Medien der Leuphana Universität in Lüneburg. Er forscht zur Geschichte
Digitaler Kulturen und leitet gemeinsam mit Wolfgang Hagen das von der
DFG geförderte Projekt „Medien der Assistenz”. Jan Müggenburg ist Juniorprofessor für Medien- und
Wissenschaftsgeschichte am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler
Medien der Leuphana Universität in Lüneburg. Er forscht zur Geschichte
Digitaler Kulturen und leitet gemeinsam mit Wolfgang Hagen das von der
DFG geförderte Projekt „Medien der Assistenz”.

Abstract:
»Ich war zu Tränen gerührt, als Murray Babcock mir an unserem
kybernetischen Institut eines Tages sagte: ›Ich habe diesen Dynamic
Analyzer gebaut, aber ich weiß immer noch nicht, wozu er eigentlich gut
sein soll«. Die Worte Heinz von Foersters über seinen Mitarbeiter
wirken auf den ersten Blick befremdlich. Als Ingenieur arbeitete Babcock
für Foerster in den 1960er Jahren am Biological Computer Laboratory
(BCL) der University of Illinois in Urbana-Champaign und hatte den
Auftrag, kybernetische Maschinen nach dem Vorbild biologischer
Funktionsweisen zu konstruieren. Der Dynamic Signal Analyzer sollte
eigentlich das nur wenige Millimeter große menschliche Innenohr
imitieren und gehörte zu den Vorzeigeprojekten des BCL. Wenn aber am
Ende eines mehrjährigen Projektes ein raum­füllender Apparat steht,
von dem selbst ihr Konstrukteur nicht mehr so richtig weiß, ›wozu er
eigentlich gut sein soll‹, dann ist in der Übersetzungskette von der
Natur zur Maschine scheinbar etwas aus den Fugen geraten.
In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass die vermeintliche Loslösung
von einem ursprünglichen Referenten jedoch nicht als Scheitern eines
Übertragungsprozesses aus der Natur in die Technik, sondern ganz im
Gegenteil als ein charakteristisches Moment kybernetischer Modellbildung
in den 1960er-Jahren verstan­den werden muss. Gerade _weil_ Babcocks
künstliches Ohr seine eigene Modell­wirklichkeit erzeugte, konnte es
als Projektionsfläche für die Erwartungen von militärischen
Mittelgebern, als Plattform zur Exploration von Theorien sowie als
Archiv für andere Modelle dienen. Die epistemologische Legitimität
kybernetischer Maschinen, so meine These, leitete sich nicht aus einer
möglichst exakten Nachahmung ihrer natürlichen Vorbilder ab, sondern
aus ihrer eigenen Performativität und Überzeugungskraft als lebhafte
Artefakte.

DI 22.05.2018, 18.00 UHr
Institut für Zeitgeschichte, Seminarraum 1
Spitalgasse 2-4, Hof 1, 1090 Wien

Müggenburg_HvF_2018-05-22

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